„Spricht etwas dagegen, dass deine Höhenangst weg ist?“
Ich starrte meine Trainerin an.
Ich saß mitten in einem NLP-Seminar und versuchte seit einer Weile, meine Höhenangst aufzulösen. Doch während die Übung bei den anderen Teilnehmern sehr gut funktionierte, passierte bei mir nichts. Die Angst blieb unverändert. Irgendetwas stand im Weg.
Natürlich wollte ich die Höhenangst loswerden. Deshalb war ich doch hier. Ich verstand die Frage nicht. Warum sollte etwas dagegen sprechen?
Die unerwartete Antwort
Zumindest dachte ich das. Doch noch bevor ich bewusst darüber nachdenken konnte, war die Antwort bereits da. Ein klares Ja. Ja, da spricht etwas dagegen. Ich weiß noch, wie verwirrend dieser Moment war. Einerseits wollte ich die Angst loswerden. Andererseits wollte ich genau das nicht. Es war, als würde sich plötzlich eine Tür öffnen. Eine Tür, die vorher unsichtbar gewesen war.
Die Trainerin fragte weiter: „Was hättest du nicht mehr, wenn die Höhenangst weg wäre?“
Und wieder kam die Antwort sofort. Keine Aufmerksamkeit mehr. Keine Rücksicht. Keine Wertschätzung.
Die Erinnerung aus meiner Kindheit
Während ich das sagte, tauchte vor meinem inneren Auge eine sehr konkrete Erinnerung auf. Ich sah mich als Kind gemeinsam mit meinen Eltern und meinem Bruder beim Wandern. Ich war die Jüngste. Mir war das Tempo zu schnell. Es war anstrengend und ich hatte keine Lust mehr. Doch irgendwie konnte ich das nicht sagen. Vielleicht fehlten mir die Worte. Vielleicht wollte ich all das nicht zugeben.
Also fand mein jüngeres Ich einen anderen Weg: Die Höhenangst. Sie schaffte, was ich selbst nicht schaffte. Ich durfte langsamer gehen. Ich durfte mich weniger anstrengen. Alle nahmen Rücksicht auf mich. Und ich bekam genau das, wonach ich mich eigentlich gesehnt hatte: Aufmerksamkeit.
Die Höhenangst ist die Lösung
Dank dieser scheinbar harmlosen Frage verstand ich plötzlich:
Die Höhenangst war nicht das Problem. Sie war die Lösung.
Eine Lösung für etwas, das ich als Kind nicht ausdrücken konnte. Mir war das Tempo zu schnell. Es war mir zu anstrengend. Ich wünschte mir Aufmerksamkeit und Rücksicht. Und die Höhenangst sorgte dafür, dass ich genau das bekam.
Natürlich hatte diese unbewusste Strategie ihren Preis. Die Angst schränkte mich ein. Sie nahm mir Freiheit. Sie hielt mich von Erfahrungen ab, die ich eigentlich machen wollte. Und doch gab sie mir etwas, das damals für mich noch wichtiger war als Freiheit: Aufmerksamkeit. Sie sorgte dafür, dass ich gesehen wurde.
Zum ersten Mal verstand ich, warum die Höhenangst überhaupt da war. Und zum ersten Mal kämpfte ich nicht mehr gegen sie an. Ich musste sie nicht mehr loswerden. Ich durfte und konnte sie annehmen als positive Absicht eines inneren Anteils von mir.
Die Reise in eine angstfreie Zukunft
Dann bat mich die Trainerin, mir vorzustellen, dass über Nacht ein Wunder geschehen sei. Die Höhenangst wäre einfach verschwunden. Keine Angst mehr. Keine innere Bremse. Keine Unsicherheit.
Als ich ihr zuhörte, geschah etwas Merkwürdiges. Um ihre Worte überhaupt verstehen zu können, musste ich mir für einen ganz kurzen Moment vorstellen, dass die Höhenangst tatsächlich nicht mehr da ist. Nur für einen klitzekleinen Augenblick. Nur als Gedankenspiel. Doch genau in diesem Bruchteil einer Sekunde entstand ein kleiner Riss in meiner bisherigen Realität. Zum ersten Mal erschien die Möglichkeit denkbar, dass die Höhenangst gar nicht zu mir gehören muss. Und in diesem Moment veränderte sich etwas. Die Höhenangst, die mich so lange begleitet hatte, war plötzlich nicht mehr da.
Ohne die Angst war die Welt nicht leerer. Sie war voller, bunter, schöner. Ich konnte die Aussicht genießen. Ich konnte die Berge genießen. Ich konnte das Wandern genießen. Und ich fühlte mich frei. In dieser Freiheit brauchte ich die Aufmerksamkeit, nach der ich damals gesucht hatte, gar nicht mehr. Ich konnte sie mir selbst geben. Und ich bekam etwas viel Wertvolleres zurück: Freude, Leichtigkeit und Verbundenheit.
Der Praxistest
Einige Wochen später wollte ich wissen, ob die Veränderung auch außerhalb des Seminarraums Bestand hatte. Also begab ich mich auf eine Gratwanderung am Achensee. Rechts und links ging es steil bergab. Unter mir lag der türkisfarbene See, umgeben von Bergen. Früher wäre allein die Vorstellung daran für mich schwierig gewesen. Und ich hätte so eine Wanderung niemals gemacht. Doch an diesem Tag war alles anders. Ich konnte die Aussicht genießen. Ich konnte die Schönheit der Landschaft wahrnehmen. Ich durfte einfach da sein. Ohne Angst. Ohne inneren Kampf. Mit jedem Schritt wurde mir klarer, dass sich etwas Grundlegendes verändert hatte. Die Höhenangst war verschwunden. Nicht nur in der Theorie, sondern auch in der Praxis. Und sie kam nie wieder. Denn das, wofür ich sie einst gebraucht hatte, konnte ich mir inzwischen auf andere Weise geben.
Die alles entscheidende Frage
Wenn ich heute auf diese Erfahrung zurückblicke, denke ich nicht zuerst an die Angst. Nicht an die Wanderung. Sondern an diese eine Frage.
„Spricht etwas dagegen, dass dein Problem nicht mehr da ist?“
Denn meistens steckt hinter einem inneren Konflikt keine Schwäche. Keine Blockade. Kein Fehler. Sondern eine Strategie, die irgendwann einmal sinnvoll war. Und genau deshalb ist die vielleicht wichtigste Frage nicht: „Wie werde ich das los?“ Sondern:
„Wofür brauche ich es eigentlich?“
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